Als sie ihn heilig sprachen und ihm einen ganz speziellen Festtag zuwiesen, hatte Nikolaus, ehemals Bischof von Myra,  damit nicht wirklich ein Problem. Es war nett und ihm gefiel die Idee, dass die Menschen an seine Lehren dachten und sich jährlich dran erinnert würden. Menschen hatten leider immer diese Tendenz Dinge zu vergessen, wenn man sie nicht regelmäßig daran erinnerte.

Und ein Teil von ihm fühlte sich einfach geschmeichelt. Ein spezieller Feiertag nur für ihn!

Als sie ihn zum Schutzheiligen der Kinder machten, freute er sich sehr. Er hatte schon immer eine Schwäche für Kinder gehabt und einmal im Jahr Nüsse, Dörrobst und andere Kleinigkeiten zu verteilen. Das war wahrlich nicht schwer und bereitete ihm auch große Befriedigung, besonders wenn er in strahlende Kinderaugen schaute und die Freude darin sah.

Anfangs platzierte er seine kleinen Gaben auf die Türschwelle, wo sie schnell und einfach zu finden waren, bis eines Tages dann ein besonders gescheites Kind auf die Idee kam, seine kleinen Schuhe neben die Tür zu stellen. Oder vielleicht hatte es sie auch nur draußen vergessen. Wie auch immer, die Nüsse und das Obst in die Schuhe zu stecken, fand er eine nette Idee. Irgendwann veränderten sich auch die Gaben, die er verteilte. Statt Dörrobst gab es frische Orangen und Mandarinen und später kamen dann noch Sachen wie Schokolade, Lebkuchen und Zuckerstangen hinzu. Eines Tages sogar kleinere Geschenke: Ein paar Stifte oder ein Radiergummi, Schuhe für die Puppe oder ein Holzpferd. Alles Dinge, die klein genug waren, um in einen Stiefel passten.

Im Großen und Ganzen alles wirklich kein Problem.

Dank eines speziellen Zeitfaltsystems, das die Erzengel schon vor Jahrtausenden erfunden hatten, war es für ihn kein Problem, innerhalb einer Nacht alle Kinder zu besuchen. Anfangs war er nur in bestimmten Bereichen von Asien und Europa unterwegs, nach und nach wurden die Bereiche immer größer und mehr, aber selbst das war kein wirkliches Problem. Gottes Logistik war einfach ausgezeichnet und auch das Hilfspersonal, z.B. der Knecht Ruprecht, waren exzellent. Eigentlich der ideale Zeitvertreib für einen toten, äh … pensionierten, heiligen Bischof, der sich sonst nicht sonderlich viel zu tun hatte. Auch wenn sie ihn zwischendrin unter anderem zum Schutzheiligen der Seefahrer gemacht hatten. Seefahrer waren einfach zu gut darin auf sich selbst und ihre Kumpel zu achten, die benötigten seine Hilfe in den seltensten Fällen.

Dinge haben leider die Angewohnheit sich zu entwickeln und zu ändern und irgendwann kamen sie dann an und bestanden darauf, dass er mit einem Schlitten vorfuhr. Keine Forderung, die ihn sonderlich störte. Er mochte Tiere und die Rentiere waren allesamt umgänglich. Obwohl er trotzdem lieber Pferde gehabt hätte, aber da es aus unerklärlichen Gründen unbedingt Rentiere sein mussten, gab er nach. Das verspielte Verhalten seiner Rentiere und ganz besonders deren Vorliebe für Schokolade brachten ihn immer wieder zum lachen und sie wuchsen ihm schnell ans Herz.

Die Kinder waren auch ganz begeistert von den Rentieren – die wenigen Kinder, die es schafften, ihn hin und wieder zu sehen, wenn er seine Gaben verteilte.

Irgendwann hatte er damit angefangen, sich in die Häuser und Wohnungen zu schleichen und so seine Gaben zu hinterlassen, statt im vollen Ornat mit Knecht Ruprecht an seiner Seite vorzufahren und die Kinder vor sich zu versammeln. Auch ein alter Mann braucht hin und wieder etwas Abwechselung und die eine oder andere Herausforderung. Und die Heimlichtuerei gaben der ganzen Sachen noch etwas Mythisches. Und wie so vieles entwickelte sich auch das zu einer Tradition.

Die Kinder mochten das Versteckspiel und in einigen Gegenden der Welt begannen sie damit, nicht mehr ihre Stiefel vor die Tür zu stellen, sondern hingen ihre Socken an den Kaminsims und erwarteten, dass er statt Stiefel Socken füllte. Immerhin waren die Socken frisch gewaschen, und wenn er nach den Dekorationen ging, dann hatte manche Socken speziell nur für ihn und seine Gaben entworfen. Das handwerkliche Geschick und die Kreativität beeindruckte ihn immer wieder.

Ein Problem hatte er damit, dass sie außerdem von ihm erwarteten, dass er durch den Kamin krabbelte um seine Gaben zu verteilen. Nikolaus fragte sich manchmal, ob er nicht vielleicht doch etwas zu gutmütig war, indem er all das mitmachte. Man stelle sich das nur vor, da musste er in vollem Ornat und mit einem dicken Sack durch einen verrußten, engen Kamin rutschen. Die Flecken waren nur schwer aus seinen weißen Roben rauszubekommen und der Ruß setze sich regelmäßig in seinem Bart fest. Nur gut, dass er den Rest des Jahres über kaum etwas zu tun hatte und so in Ruhe seinen lädierten Bart pflegen konnte, bis er wieder die volle Pracht erreicht hatte.

Irgendwann kamen sie dann mit dem roten Anzug und dieser komischen Zipfelmütze an. Er kam sich zwar reichlich lächerlich vor, aber was tut man nicht alles für die lieben Kleinen?  Aber so insgeheim musste er sich doch eingestehen, dass er so langsam den Punkt erreicht hatte, wo er über den Sinn seiner Tätigkeit nachdachte. Statt Schokolade und Orangen mussten es jetzt immer größere Geschenke sein und immer mehr und irgendwie begann er, die Lust zu verlieren und an dem Sinn seiner Aufgabe zu zweifeln. Statt nur einmal im Jahr loszuziehen, sollte er plötzlich das ganze Jahr über diese komischen Elfen betreuen, während die irgendwelche Geschenke zusammenbauten, die zwar fehlerfrei funktionierten und eine Ewigkeit hielten, aber trotzdem nicht mit Barbie, Matchbox, Microsoft, Apple, X-Box und wie sie alle hießen konkurrieren konnten.

Konnten tote Heilige an Burn-Out-Syndrom leiden?

Dann drehten sie völlig durch. Die Elfen konnte er ja noch akzeptieren, auch die Umbenennung in Claus statt Nikolaus war verträglich, aber Mrs. Claus? Seit wann war er den verheiratet? Seit wann durfte er überhaupt heiraten? Nicht dass er dem holden Geschlecht abgeneigt war, nur warum hatte ihm das niemand gesagt, als es ihm noch was nutzte? Jetzt konnte er damit nicht mehr viel anfangen, so nett Mrs. Claus auch war.

So entschied er sich an einem schönen Dezembertag, dass er genug hatte und eine Pause brauchte. Nach über 1500 Jahren hatte er die auch verdient. Er ließ also diesen grauenhaften roten Anzug im Schrank hängen, schnappte sich stattdessen seine Sonnenbrille und seinen Sack, suchte sich eine nette Ecke im Paradies und stellte sein Schild auf.

Streik Kopie

MichailDas Belegexemplar habe ich ja schon seit einer Weile hier liegen, weshalb ich jetzt endlich mal darüber bloggen sollte:

Charlotte Engmann (Hrsg.): Ranulf O’Hale präsentiert: Michail – Spiel mir das Lied vom Untod

Wer noch die Tales of Blood and Love, herausgegeben von Charlotte Engmann, kennt, hat die Story vielleicht schon einmal gelesen. Ich habe sie damals als Geschenk für Charlotte geschrieben, da ihr Michail einfach eine tolle Figur ist und mir ihre Geschichten um den jüngeren Bruder des Grafen Draculas immer sehr gefallen haben. Die Geschichte war ein kleines Dankeschön in Form von Fanfiction gedacht.

Als Charlotte mich dann fragte, ob sie die Story auch für die Anthologie nehmen kann, habe ich natürlich sofort ja gesagt. Und jetzt ist die Anthologie fertig und erhältlich.

Neben meiner doch sehr kurzen Story Meisterwerk sind in der Anthologie auch Geschichten von Charlotte Engmann, Thorsten Scheib, Daniel Alles, Bernward Craw, Sigrid Juckels und Christel Scheja zu finden.

Wer Michail noch nicht kennt und Vampire mit Humor mag, der sollte auf jeden Fall mit den vorherigen Bänden anfangen. Ich hoffe ja, dass demnächst noch mehr von und über Michail erscheint.

Weitere Bände um Michail sind:
Charlotte Engann: Ranulf O’Hale: Für eine Handvoll Seele

Charlotte Engmann: Ranulf O’Hale: Die Rechnung wird mit Blut bezahlt

Printausgaben der Bücher sind direkt über die Verlagswebseite von HARY-Production zu beziehen.